Januar 11, 2012

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Porträt eines Klienten: Die Albträume des Herrn S.


Herr S. ist drogenabhängig und ohne feste Tagesstruktur. Trotzdem erreicht er die meisten Ziele seiner Wohnbegleitung.

Als Herr S. die Tür öffnet, hat er die Scheuerbürste in der Hand. Es riecht reinlich in der kleinen Einzimmerwohnung im Zentrum von Biel, etwas eingesperrt zwischen den Häuserschluchten, aber immerhin in einem der obersten Geschosse, wo Sonnenlicht durch die Fenster dringt. Die Mietwohnung ist spärlich eingerichtet. «Ich wohne mehrheitlich im Bett», sagt Herr S., fast entschuldigend. Nebst dem Bett gibt es in der kleinen, höchst zweckdienlichen Wohnung zwei Stühle, einen Fernseher, einen Kleiderschrank und eine kleine Küche. Herr S. ist 46, aber man würde ihn gut und gerne zehn Jahre jünger schätzen, obwohl er lange Zeit drogensüchtig war und noch heute ab und zu über den Durst trinkt. Auf dieses Interview hat er sich mit zwei, drei Bierchen vorbereitet, wie er freimütig bekennt. Nur so kann er diesem für ihn ausserordentlichen Termin mit der nötigen Gelassenheit begegnen. Es ist früher Nachmittag. Herr S. sagt: «Wo soll ich anfangen? Das ist gar nicht so einfach.» Er könnte bei seiner eigenen Verantwortung anfangen, denn später wird er sagen, dass er sich nicht primär als Opfer sehe, sondern sehr kritisch sei gegenüber sich selbst: «Mein Problem ist: Ich bin einfach immer den Weg des geringsten Widerstandes gegangen.»

Doch stattdessen beginnt Herr S. seine Geschichte bei seinem Vater, der Beziehung zu seinem Vater, seinem Lebensthema vermutlich. Der Vater war meistens nicht da. Und wenn er da war, schlug er die Mutter und versäumte es nicht, seinem Sohn, dem zweitältesten und mutmasslich sensibelsten von drei Kindern, zu zeigen, wie wenig er von ihm hielt: «Du bist ein Träumer. Du schaffst es nie zu was.» Und dann, Herr S. war sechzehn und interessierte sich für Theater und Kunst, empfing er vom Vater ein Ultimatum: «Ich habe dich angemeldet. In zwei Wochen beginnst du im AutoCenter Nidau deine Lehre als Ersatzteilverkäufer. Wenn du dort nicht hingehst, brauchst du nicht mehr nach Hause zu kommen.»

Schluchzen im Neonlicht


Herr S., sich seiner zu wenig sicher, um sich aufzulehnen und zu wissen, was er vom Leben will, fügt sich. Und er hält durch, beendet die Lehre, obwohl er am dritten Tag seiner Lehrzeit angesichts der zahllosen Ersatzteile im Neonlicht ins Schluchzen ausbricht beim Gedanken, dass dies für die nächsten Jahrzehnte seine Berufstätigkeit sein könnte. Weil ihm zum Aufstand der Mut fehlt, übt er den Protest gegen über dem autoritären Vater auf stille Weise: Durch Rückzug in eine randständige Welt, in der er bald mit Drogen in Berührung kommt, anfänglich mit harmlosen Substanzen. Doch um sich selbst zu behaupten, wenigstens in der Szene, schreckt er bald auch vor harten Drogen nicht zurück. Auf diese Weise – seine Weise – bringt er es doch zu etwas. So erzählt es Herr S. in seiner heutigen Wohnung an der Molzgasse, gemietet bei Casanostra, zu einem Mietzins von 550 Franken zuzüglich Nebenkosten von 180 Franken, plus 490 Franken pro Monat für Wohnbegleitung, weil er sein Leben noch nicht selbständig zu meistern vermag. In der Standortbestimmung zu seinem Eintritt bei Casanostra, ausgefüllt am 13.7.2009, steht unter dem Kapitel «Ressourcen»: «Negativ: Suchtmittelabhängigkeit, Antrieb, Verbindlichkeit. Positiv: offene, kommunikative Person, gute Reflexionsfähigkeit.» Man merkt es Herrn S. an, dass er ein gelernter Verkäufer ist und gerne mit Menschen spricht. Man merkt ihm auch an, dass er schon einige Therapien durchlaufen hat. Herr S. hat dabei offensichtlich viel über sich gelernt und nachgedacht. Er sagt: «Ich habe meinen Beruf geliebt, den Kontakt zu den Kunden, die positiven Rückmeldungen, wenn ich etwas gut gemacht habe. Und ich habe von meinen Arbeitgebern viele Chancen bekommen, weil sie mich gemocht haben, irgendwie. Darum meinte ich, ich würde immer aufs Neue wieder Chancen erhalten. Bis es zu spät war.»

Doppelleben zwischen Job und Szene


Fast 15 Jahre lang hält Herr S. das Doppelleben zwischen Job und Szene aus, bis es ihn zerreisst – beziehungsweise den Geduldsfaden seines letzten Arbeitgebers. Herr S. hatte wieder einmal Geld aus der Geschäftskasse herausgenommen, dafür einen Zettel reingelegt mit der Summe drauf, aber dann nicht, wie auf dem Zettel versprochen, das Geld am Montag wieder zurückerstattet. Das Wochenende ist ihm dazwischengekommen. Herr S., drogensüchtig, notorischer Ladendieb, ist gut 30 Jahre alt, als er sich in seinem Leben gänzlich verliert. Es folgen Aufenthalte in einer Strafanstalt für kleinere Delikte, dann ein Entzug. Immer wieder scheitert er an sich selbst, vielleicht, weil er eben den Weg des geringsten Widerstands sucht, der in seinem Fall oft heisst: «Abbruch». Sei es eines Drogenentzugs oder eines Arbeitsversuchs. «Hier», sagt Herr S., «können wir die Geschichte abkürzen.» Er setzt sie an jener Stelle fort, als er erstmals in Kontakt mit Casanostra kam. Herr S. meldet sich für die Dienstleistung «Begleitetes Wohnen» an, braucht auch eine Wohnung, bemüht sich dann aber nicht wirklich um die Aufnahme. Er zeigt keine Motivation, seine Wohnsituation und Wohnkompetenzen verbessern zu wollen. Als er von Casanostra nicht sofort eine Wohnung angeboten erhält, meldet er sich nicht mehr. Beim zweiten Versuch klappt es besser. Herr S., einsichtig geworden, dass er selber etwas beitragen muss zur Verbesserung seiner Lebenssituation, kommt in eine Übergangswohnung von Casanostra, zusammen mit einem zweiten Mieter, und entdeckt, dass es der Andere noch schwieriger hat als er selbst, dass er ihn sogar ein Stück weit unterstützen kann: dass er der Stärkere ist von den beiden. Sein Selbstwertgefühl verbessert sich, ebenfalls sein Zustand.

Ziele der Wohnbegleitung


In der heutigen Zielvereinbarung zwischen Herrn S. und Casanostra steht geschrieben: Herr S. hält den erreichten Standard der Wohnungshygiene ein. Herr S. hält die Termine bei Casanostra nach wie vor ein. Herr S. organisiert sich eine ID. Herr S. beginnt eine Hepatitisbehandlung. Herr S. meldet sich bei der Fachstelle Arbeitsintegration (FA) für eine 50 %-Stelle an. Wie steht es aus Sicht der Sozialarbeiterin um die Zielerreichung? Herr S. hält den Hygienestandard in seiner Wohnung nach wie vor hoch. Herr S. hält die Termine mit Casanostra ein, weil er sich an die Sozialarbeiterin gewöhnt hat und ihr vertraut. Andere Termine hingegen, wie beispielsweise bei seinem Psychiater, lässt er platzen, weil sie seinen Alltag durcheinander bringen könnten. Der Alltag ist geprägt von Kaffeetrinken und Zeitungslesen am Vormittag im Coop Restaurant und vom Fernsehen am Nachmittag. Über einen Identitätsausweis, der ihm vor 15 Jahren abhandengekommen ist, verfügt Herr S. immer noch nicht. Er hat sich einmal nach dem Preis erkundigt, 75 Franken, und das schien ihm zu hoch, bei 230 Franken Wochengeld von der Sozialhilfe. Ohne Identitätsausweis aber ist das Leben kompliziert, beispielsweise dann, wenn man einen eingeschriebenen Brief von der Poststelle abholen sollte. Dafür hat Herr S. am 15. Dezember 2011 eine Hepatitisbehandlung begonnen, «mit Bedenken», wie er sagt, «aber ohne Angst. Das werde ich schon überleben.» Er macht eine intensive Therapie, die den Organismus ähnlich stark belastet wie eine Chemotherapie. Wenn alles gut läuft, kann er die Therapie im Sommer 2012 abschliessen. Und dann soll der nächste grosse Schritt anstehen: der Versuch, wieder eine Beschäftigung aufzunehmen, über die Fachstelle Arbeitsintegration. Herr S. hat einen Traum, der gleichzeitig sein Albtraum ist: Er möchte irgend einmal wieder richtig arbeiten können, ein «vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft werden», wie er sich ausdrückt. «Ein Job als Ersatzteilmonteur, das wäre das coolste. Auch wenn das mit meinen 46 Jahren vielleicht nicht mehr realistisch ist. Ich wäre auch bereit, meine Probezeit zu verlängern. Wenn ich nur wieder arbeiten könnte.» Wenn er nachts seinen Wunschtraum auch wirklich träumt, ist er mit seinen Ängsten konfrontiert. Er sieht dann endlose Reihen von Ersatzteilen wie damals, als er als junger Lehrling ins Schluchzen ausgebrochen ist. Er schafft es nicht, die Kundenbestellung auszuführen, um den Kunden zufriedenzustellen. So sehr er sich auch anstrengt. Bis ihn der Schrecken über die Zurückweisung, die ihm droht, aus dem Schlaf reisst.

Aufgezeichnet im Januar 2012