Wohnfit kann das Leben verändern. Dies beweist die Geschichte von Frau I. aus Lyss, Mutter dreier Kinder, die von den Behörden in einem Heim platziert wurden.
Als der Sozialarbeiter von Casanostra Frau I. zum ersten Mal besuchte, war er am Ende froh, dass sie einwilligte für einen zweiten Termin. Das war im Jahr 2009. «Ich fühlte mich eingeschlossen wie in einem Eisblock», sagt Frau I. Eis, das sie rund um sich herum aufgebaut hatte, um sich vor psychischen Verletzungen zu schützen. Den Sozialarbeiter sollte sie noch einige Male frostig empfangen. Auf Männer war sie besonders schlecht zu sprechen. Das hat vor allem mit den Erfahrungen mit ihrem ExMann zu tun. 2007 gab es mit der Scheidung einen Schlussstrich unter diese Geschichte, jedenfalls einen formalen. Zum Eisblock war Frau I. gefroren, nachdem man ihr 1998 den Bub weggenommen und ihn in einem Heim «platziert» hatte, wie man das im Fachjargon nennt. «Einer Mutter kann man nichts Schlimmeres antun, als ihr das Kind wegzunehmen», sagt Frau I. Zur Platzierung kam es nicht ohne Grund. Frau I. war überfor dert gewesen mit ihrem Leben. Sie hatte zweijährige Zwillinge im Haus, zwei Mädchen, und schaffte es meist nicht, den achtjährigen Buben rechtzeitig zur Schule zu bringen. Bald fing es an mit den Vorwürfen, zunächst von der Schule. Ihr Mann, von dem sie sich laut ihrer Aussage noch vor der Zeugung der Zwillinge eigentlich hatte trennen wollen, war ihr keine Entlastung, geschweige denn Hilfe. Morgens um sechs Uhr verliess er das Haus, trieb sich herum, kehrte oft erst spät am Abend wieder zurück, verdiente kein Geld. So erzählt es Frau I. Die Familie war abhängig von der Sozialhilfe.
Wenn das Leben keinen Sinn mehr macht
Weil Frau I. nach der Platzierung ihres Sohnes keinen Sinn mehr sah in ihrem Leben, gab sie dieses immer mehr aus der Hand. Liess es geschehen. Kümmerte sich immer weniger um Ordentlichkeit oder Sauberkeit. Bis 2006 auch noch die Zwillinge platziert wurden. «Was ist eine Mutter, die nicht zu ihren Kindern schauen kann?», fragte sie sich resigniert. Der Eisblock um sie herum fror noch ein Stück weiter zu. Sie liess sich und den Haushalt noch mehr gehen, wurde für sich und andere zur Zumutung. Als 2008 die Leitungen verstopft waren, drohte die Liegenschaftsverwaltung mit der Kündigung. Der Sozialdienst Lyss, der sich bisher im Rahmen der Familienbegleitung um Frau I. bemüht hatte, fragte Casanostra um eine Wohnbegleitung in der Wohnung der Mieterin an, die Dienstleistung namens Wohnfit. Mit dem Ziel, kurzfristig das Mietverhältnis zu retten und langfristig dafür zu sorgen, dass das Leben von Frau I. wieder in Ordnung kam. Die erste Bruchstelle im Eisblock erreichte Urs Enz, Sozialarbeiter bei Casanostra, indem er Frau I. eine neue Küchenschranktüre brachte. Er hatte suchen müssen, bis er die passenden alten Scharniere gefunden hatte. Das machte Frau I. irgendwie Eindruck. Da war einer, der nicht nur redete oder Druck aufsetzte, wie sie es zur Genüge kannte, sondern selber Hand anlegte. Sie war bisher ziemlich resistent gewesen gegenüber Aufforderungen zum Beispiel, sie solle ihre Küche und insbesondere die Herdplatten besser reinigen. Doch nachdem sich einer soviel Mühe um ihre Küchenschranktür gemacht hatte, wollte Frau I. nun ihren Anteil dazu leisten, dass die Küche wieder in Ordnung kam. Von nun an war die Herdplatte immer sauber geputzt, wenn am Donnerstag der Besuch des Sozialarbeiters anstand. Der Mittwoch wurde zum festen Putztag von Frau I. Sie sagt: «Mit dem Wohnfit von Casanostra kam Rhythmus in mein Leben.»
Wandschränke hinter Hausratsbergen
Zu Beginn der Wohnbegleitung stand der Unrat meterhoch in der FünfeinhalbZimmer Wohnung in Lyss. Die Wandschränke, die es gab, waren unerreichbar, weil sich vor ihnen Säcke und Kisten stapelten, mit Spielsachen, Kleidern oder anderem Hausrat drin. Das Zimmer, welches eigentlich als Büro gedacht war, war so vollgestopft, dass man es kaum betreten konnte. Wie alles besser wurde, ist für Frau I. ein Rätsel. Sie spricht von einer «Wundertüte». Und meint wohl sich selber. «Vielleicht liegt es daran», sinniert sie, «dass der Sozialarbeiter nie sagte: Sie ‹müssen›, sondern immer, sie ‹können›. Mit Druck kommt man nicht weiter bei mir. Herr Enz aber machte mir Vorschläge und ich dachte mir: ‹Probieren geht über Studieren›.» Ein solcher Vorschlag bestand darin, dass Frau I. ihre Bürosachen durchsehen könnte nach Unterlagen, die sie schon lange nicht mehr brauche – und deshalb auch nicht vermissen würde. Nach anfänglicher Skepsis machte sich Frau I. gemeinsam mit dem Sozialarbeiter an die Arbeit. Sie sichteten die Unterlagen und fanden zum Erstaunen von Frau I. vieles, das für sie entbehrlich war. Frau I. sah sich Ernst genommen in diesem Aufräumprozess. «Vorher hatte ich mich ausgesperrt von meinem Leben gefühlt, welches Behörden und Fachleute an meiner Stelle führten. Dank Casanostra begann ich mich wieder als Teil meines Lebens zu fühlen.» Frau I. findet treffende Beschreibungen für ihre Lebenssituation. Sie schreibt gern, Kurzgeschichten und Geschichten, führt ein handschriftliches Tagebuch. Da steht zum Beispiel: «Die Fachpersonen sagten manchmal, es sei nicht persönlich gemeint. Ich finde, egal wie etwas beginnt, es sollte in erster Linie persönlich sein.» Oder auch: «Herr Enz, der Sozialarbeiter von Casanostra, rechnet mit mir. Also kann er mit mir rechnen. Ich freue mich auf seinen wöchentlichen Besuch.» Nach Küche und Büro nahmen sich Frau I. und der Sozialarbeiter Enz den Keller vor, den es zu entrümpeln galt, dann die Zimmeraufteilung in der Wohnung. Die Zwillinge sind inzwischen 16 Jahre alt geworden. «Normal wäre, dass sie ein eigenes Zimmer hätten», fand der Sozialarbeiter. Frau I. war grundsätzlich einverstanden mit ihm. Aber sie brauchte Zeit, bis sie sich an den Gedanken gewöhnen konnte, die Zwillinge voneinander zu trennen. Doch dann dachte sie wieder: «Probieren geht über Studieren».
Neuordnung des Lebens
Und es folgte die Neuordnung der Wohnung und somit des Lebens, eine provisorische, wie Enz immer wieder betonte, «wir können alles wieder rückgängig machen». Möglichst kein Druck für Frau I. Die Töchter, in ihrer Entwicklung zurückgeblieben, halfen mit, ihre eigenen Zimmer einzurichten, sortierten unzählige Poster, bis sie eine passende Komposition gefunden hatten, um die Wand zu verschönern. Frau I. wollte für sich eigentlich das kleinste Zimmer nehmen. Aber das liess Enz nicht zu. «Eltern brauchen einen Rückzugsort und den sollten auch Sie für sich in Anspruch nehmen.» Oktober 2012, zu Besuch bei Frau I.: Enz ist diesmal nicht allein gekommen, sondern er hat den Porträtschreiber von Casanostra mitgebracht und Andreas Estermann, Beistand der beiden Zwillinge. Die beiden Männer lassen sich vom Sozialarbeiter die Wohnung zeigen. Auf dem Stubentisch stehen Kaffeetassen auf Untertellern bereit, eine Zuckerschale und Rahm, dazu kleine Schokokekse. Frau I., die das alles vorbereitet hat, verzieht sich auf den Balkon, raucht eine Zigarette, um ihre Nervosität abzulegen, aber die Tür bleibt offen, obschon es kalt ist an diesem Herbsttag. Frau I. will sich nicht mehr aussperren lassen von ihrem Leben, während sich drinnen andere damit zu schaffen machen. Während der Wohnungsbesichtigung stellt sich heraus: Die Küchenschranktür war nur der Anfang von weiteren Handwerksdiensten, die Sozialarbeiter Enz vollbracht hat. Links von der Eingangstür hat er zuletzt eine schmucke Garderobe samt Spiegel aufgehängt, in den neuen Mädchenzimmern die Deckenlampen montiert, im Badezimmer den Mischer repariert, eine Duschstange samt Vorhang angebracht, immer mit Unterstützung von Frau I. oder den Mädchen. Handwerksarbeiten, die nötig waren, weil die private Liegenschaftsverwaltung keine Hand dazu bot. Und so wird klar, warum Casanostra die Wohnbegleitung lieber in eigenen Liegenschaften anbietet als in fremden. Eine Fensterstore, die bereits seit zwei Monaten verklemmt ist und das Wohnzimmer verdunkelt, wird wohl auch in naher Zukunft nicht repariert. Oft fällt es den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern schwer, den Mieterinnen und Mietern in Wohnungen mit «überforderten Liegenschaftsverwaltungen» gute Lebensumstände zu ermöglichen.
Die Begeisterung des Beistands
Estermann ist begeistert vom Resultat der Wohnbegleitung samt Handwerksdiensten: «Seit meinem letzten Besuch hier hat sich ja einiges verändert. Ich erkenne die Wohnung fast nicht wieder. Und die Ordnung hat sichtbar das Leben von Frau I. und ihren Kindern zum Guten verändert.» Von den Mädchen wird vermeldet, dass sie zuletzt motorisch Fortschritte gemacht hätten. Die eine Tochter hat soeben das Fahrrad fahren erlernt, die andere Tochter einen Spaziergang geschafft so lang wie nie zuvor in ihrem Leben. Und seit Enz im Bad einen Duschvorhang montiert und den Mischer geflickt hat, erscheinen die Mädchen am Montagmorgen frisch geduscht in ihrem Betreuungsheim. Und so bestätigt der Fall I. auf eindrückliche Weise, dass die Wohnbegleitung tatsächlich Türöffner zu einer zielführenden Sozialarbeit sein kann, wie Casanostra stets betont. Später wird Herr Estermann Frau I. fragen, wie die Veränderung in ihrem Leben möglich war. Sie wird ein wenig schmunzeln und wieder von der «Wundertüte» sprechen, in die sie keinen klaren Einblick habe. Wenn der Beistand sagen wird, wie froh er sei, dass die Zwillinge nun ein so liebevolles zu Hause hätten, wird man fühlen können, wie in Frau I. ein leiser Stolz heranwächst. Sie, die immer nur Vorwürfe zu hören bekam und nie Komplimente. Sozialarbeiter Enz fragt: «Sie haben schon so vieles geschafft, Frau I. Wie machen wir nun weiter? Was ist unser nächstes Ziel? Braucht es Casanostra überhaupt noch?» «Vielleicht nicht mehr so lange», sagt Frau I, zögert, bevor sie sich zu sagen getraut: «Mein Zimmer, das ist jetzt noch die letzte Baustelle. Ich möchte versuchen, es einzurichten.» Enz und Estermann schlagen vor, man könnte einen Tisch und Stuhl dort platzieren, damit Frau I. einen festen Platz zum Schreiben oder Malen habe. Und sie sagt: «Ja, das wäre schön!» Schwerer tut sie sich mit dem Gedanken ans eigene Schlafzimmerbett. In einem solchen hat sie seit Jahren nicht mehr geschlafen. Lieber schläft sie auf der Couch im Wohnzimmer. Über die Gründe möchte sie nicht sprechen. Der Schluss dieser Geschichte soll dem Tagebuch gehören, einem Eintrag von Frau I. zum Jahr 2009: «Casanostra tritt in meine Wohnung und mein Leben. Stehe am Wendepunkt meines Lebens. Wenn ich früher bereits diese Hilfe gehabt hätte, hätten sie mir meine Kinder vielleicht nicht weggenommen und mein seelisches Trauma wäre mir erspart geblieben.»



