Auch Menschen, die ihr Leben im Griff zu haben scheinen, können plötzlich auf Casanostra angewiesen sein. Dies zeigt die Geschichte von Frau S. und ihrem Kleinkind.
Frau S. führt die Sozialarbeiterin von Casanostra durch die Wohnung, alles wohnlich und sauber, und an ihrer Hand geht Dario, 10 Monate alt und ihr Sonnenschein. Wenn man sie sieht, Frau S. mit ihrem Bub, kann man sich die stellvertretende Shop-Leiterin einer Telekommunikationsfirma vorstellen, die sie vor kurzem noch war: kommunikativ, zugänglich, dynamisch. Was man sich hingegen fast nicht vorstellen kann: Wie Frau S. in eine Situation kommen konnte, in der sie unter den Füssen keinen Halt mehr fand, sich gehen liess, in den Tag hineinlebte, ohne einen Sinn darin zu sehen.
«Ich fühlte mich hilflos und verloren», sagt Frau S.
Dabei schien sie ihr Leben doch jederzeit im Griff zu haben. Lehre als Detailhandelsangestellte abgeschlossen, acht Jahre lang eine Feststelle gehabt, im Berufsleben bewährt, zweisprachig, starke Bande in ihrer Familie, grosser Freundeskreis. Als die Stelle als Shop-Leiterin frei wurde, sah sie sich als legitime Nachfolgerin, doch ihr vorgezogen wurde ein Arbeitskollege mit der Begründung, dass er schon vier Tage länger im Unternehmen sei.
Und die Leistung? Zählte sie nicht?
Die aus ihrer Sicht ungerechtfertigte Personalpolitik machte ihr zu schaffen und schon bald stellte sich heraus: Die neue Konstellation ist ungut. Der Kollege als Chef, Frau S. als seine Stellvertreterin, die in manchem doch eigentlich besser Bescheid weiss und bei vielen Kundinnen und Kunden besser ankommt als ihr Kollege.
Mobbing am Arbeitsplatz
Der neue Chef fängt an, seine Kollegin zu mobben, so schildert es Frau S.: «Die Beine auf dem Bürotisch, kommandierte er mich ab zum Kaffeekochen und für Botengänge. Er verbot mir, an die Hochzeit einer Freundin zu gehen, weil er am selben Tag Ski fahren wollte und ich ihn vertreten sollte im Shop.»
Dem schwelenden Konflikt mit dem Chef geht Frau S. aus dem Weg. Sie schimpft zwar im Stillen über den Vorgesetzten, doch als es zu einer Aussprache mit dem Regionalleiter kommt, gibt sie klein bei. Und am Abend dreht sie einen Joint, um ihre negativen Gedanken auszuschalten.
Frau S. verliert ihr Selbstvertrauen unter den Schikanen des Chefs, und als sie es nicht mehr aushält, reicht sie die Kündigung ein, ohne eine neue Stelle zu haben. Und der Shop-Leiter? Klagt sie an, Ware und Geld gestohlen zu haben. Eine Anschuldigung, die sich erst 12 lange Monate später als haltlos erweisen wird.
Als Frau S. sich in der Zwischenzeit auf Stellen bewirbt, bekommt sie Absage um Absage. Erst viel später findet sie heraus, woran es liegt: am hängigen Gerichtsverfahren, auf das ihr ehemaliger Vorgesetzter bei Referenzanfragen gerne verwiesen hat.
«Ich habe mich immer über Arbeit definiert», sagt Frau S. «In meiner Familie war es sehr wichtig, dass man und was man arbeitete. Meine Grosseltern wären stolz auf mich gewesen, wäre ich in meinen jungen Jahren Shop-Leiterin geworden. Gemobbt und arbeitslos aber fühlte ich mich gedemütigt.»
Aufgrund des hängigen Gerichtsverfahrens wird bei Frau S. nach ihren eigenen Angaben das Arbeitslosengeld ausgesetzt. Sie macht Schulden, muss ihre Wohnung aufgeben, kommt tages- und wochenweise bei Freunden unter. Das einst gelegentliche Kiffen braucht sie nun, um die Situation zu ertragen. «Ich flüchtete mich in meine eigene Welt und verlor jede Tagesstruktur», sagt Frau S.
Verstossen vom Kindsvater
Dann geht sie eine Liebesbeziehung zu einem ehemaligen Kollegen ein, den sie schon lange gekannt hat, zieht bei ihm ein – und wird drei Wochen später schwanger. Der Mann sagt: «Entweder das Baby oder ich.»
Frau S. weiss weder ein noch aus. Sie wendet sich an die Familienberatung im Spitalzentrum Biel, bekommt die Unterstützung ihrer Mutter, ihres Bruders. Und fasst den Mut, sich für das Baby zu entscheiden. Freilich ist sie nun ihren Freund los – und das Dach über dem Kopf.
Obwohl Frau S. merkt, dass das Kind in ihrem Bauch ihrem Leben Sinn verleihen könnte, verliert sie erneut den Boden unter den Füssen. Ihre Zweifel, ob sie es schaffen wird mit dem Kind, lasten schwer auf ihr. Die Tage vergehen, ohne dass sie einen Plan fassen oder ein Ziel verfolgen kann. Will die Mutter vorbeikommen, um mit den Finanzen zu helfen, sagt Frau S. mit fadenscheinigen Gründen ab.
Die Zeit läuft davon. Im 6. Monat ihrer Schwangerschaft gesteht Frau S. sich ein, dass sie Hilfe braucht. Für sich und ihr werdendes Kind. Am dringendsten eine Wohnung, die sie selber nicht finden kann.
Frau S. wendet sich an Casanostra. Im Bewerbungsgespräch muss sie der Sozialarbeiterin sagen, was sie sich von der Wohnbegleitung erhofft: «Ich will nicht in der Vergangenheit bohren und keine Bevormundung, sondern eine Unterstützung, um das Leben wieder zu schaffen.» Kurz darauf kann sie den Mietvertrag bei Casanostra unterschreiben, verbunden mit einer Vereinbarung zum Begleiteten Wohnen nach der Kategorie A: wöchentliche Hausbesuche. Frau S. atmet auf: Endlich wieder die eigenen vier Wände.
In einer ersten Bestandsaufnahme stellt die Sozialarbeiterin Serafina Rudaz fest, dass Frau S. über viele Fähigkeiten und Möglichkeiten verfügt. Und gerade deshalb sich dafür geschämt hat, mit ihrem Leben nicht mehr allein zurecht zu kommen. Sie versucht ihr klarzumachen, dass Ereignisse wie Mobbing, Arbeitsplatzverlust, Beziehungsabbruch in der Schwangerschaft und Obdachlosigkeit Lebenseinschnitte sind, die eine persönliche Krise verständlich machen.
Die Sozialarbeiterin unterstützt Frau S. dabei, sich nicht zu grosse Ziele zu stecken, sondern kleine, um sich dem grossen Ziel langsam zu nähern. Gemeinsam stecken sie die Wochenaufgaben ab. Wenn Frau S. der Sozialarbeiterin zeigen kann, dass sie diese geschafft hat, ist sie erleichtert. «Diese kleinen Erfolgserlebnisse waren entscheidend für Frau S.», sagt Rudaz. «Sie machten Fortschritte sichtbar.»
Kraft der kleinen Erfolge
Frau S. arbeitet mit einer «To-Do-Liste». Die Sozialarbeiterin hilft ihr, die Pendenzen zu priorisieren. Besonders wichtig ist, dass sich Frau S. auf der Schlichtungsstelle des Mietamtes mit einem früheren Vermieter einigt, damit sie keinen Eintrag im Betreibungsregister erhält. Sonst fände sie auch in Zukunft kaum eine Wohnung. Die Einigung kommt viel einfacher zu Stande, als Frau S. sich das in ihren trüben Tagen vorgestellt hat.
Dann kommt das Kind zur Welt, ist plötzlich da, braucht seine Mutter. Eine existenzielle Bindung. Frau S. ist da für ihr Kind und bereit dazu, das Nötige zu tun, um ihm ein glückliches Leben zu ermöglichen. Die Sozialarbeiterin Rudaz unterstützt sie darin, rechtliche Fragen zu klären: Vaterschaftsanerkennung, Obhut und Sorgerecht, Alimentenabtretung an die Sozialhilfe. Stehen wichtige Entscheidungen an, zeigt sie Frau S. Vor- und Nachteile auf. So gewinnt Frau S. wieder an Sicherheit in der Lebensplanung.
Zehn Monate nach der Geburt: Dem Buben geht es gut. Frau S. bekommt Komplimente, ist stolz auf den Kleinen – und auch auf sich selbst. Mit dem Kindsvater hat sie sich ausgesöhnt. Der hat seine Vaterrolle inzwischen akzeptiert. «Er macht das prima, nimmt unseren Sohn alle zwei Wochen über Nacht zu sich nach Hause und manchmal unternehmen wir sogar etwas zu dritt», sagt Frau S.
Ziemlich genau ein Jahr, nachdem Frau S. in grosser Verzweiflung eine Casanostra-Wohnung gefunden hat, fühlt sie sich stark genug für den nächsten Schritt. In einer Agglomerationsgemeinde hat sie eine Wohnung bezogen, die grösser ist als jene von Casanostra, aber gerade noch ins Budget der Sozialhilfe passt. Dort will sie ihr Leben nun im Griff behalten – ohne Wohnbegleitung. Das geschädigte Vertrauen in ihre Mitmenschen weiter aufbauen. Und sich dann auf eine Teilzeitstelle bewerben, um endlich wieder dem nachgehen zu können, was ihrem Selbstbewusstsein so fehlt: einer geregelten, bezahlten Arbeit.
Aufgezeichnet im Herbst 2014



